
Geburtstag während einer Sterbebegleitung
Unsere Koordinatorin Steffi fragte mich, ob ich bereit sei für eine Begleitung.
Okay, dachte ich, jetzt geht’s also los. Das erste Mal alleine.
Zwei kurze Begleitungen habe ich bereits im Tandemmodell mit einer erfahrenen Ehrenamtlichen gemacht.
Obwohl wir uns im Vorbereitungskurs ausführlich mit vielen Themen beschäftigt hatten und ich mich gut vorbereitet fühlte, war es dann doch ein großer Schritt, jemanden zum ersten Mal alleine zu begleiten. Vorab erhielt ich einige Informationen: Herr S. lebt in einer Pflegeeinrichtung, hat Demenz, leidet unter Luftnot und hat keine Angehörigen.
Als ich ihn zum ersten Mal besuchte, lag Herr S.im Bett, das Kopfteil war hochgestellt. Die Nacht war für ihn sehr schwer gewesen. Ein Gespräch war an diesem Tag nicht möglich. Also setzte ich mich einfach eine Weile zu ihm und war da. Da ich kein gutes Gefühl hatte, besuchte ich ihn bereits am nächsten Tag erneut. Es ging ihm inzwischen ein kleines bisschen besser. Ich übernahm die Mundpflege und fragte ihn, welchen Geschmack er dabei am liebsten möge. Herr S. antwortete, dass er Weißwein möge und so versprach ich ihm, zu seinem Geburtstag eine kleine Freude mitzubringen.
Drei Tage später war es soweit. Ich nahm ein paar Blumen aus meinem Garten mit und einen Apfel Secco ohne Alkohol, Einen Weißwein mitzubringen, hatte ich mich dann doch noch nicht getraut.
Sein Zimmer war mit einer „Happy Birthday“-Girlande geschmückt, auf dem Tisch stand ein Geschenk. Herr S. lag im Bett und ich hatte das Gefühl, dass er mich wiedererkannte Ich habe ihm ein Geburtstagsständchen gesungen und ihm eine kleine Geschichte vorgelesen.
Natürlich gab es auch den Apfel Secco und Herr S. genoss ihn sichtlich - mithilfe des Mundpflegestäbchens konnte er jeden Tropfen auskosten.
Als er müde wurde und die Augen schloss, fragte ich ihn, ob ich ein wenig seine Hand halten darf. Herr S. gab mir seine Hand und schlief ein.
Vier Tage später kam mir Herr S. angezogen und im Rollstuhl sitzend selbstständig entgegen. Momentan geht es ihm besser und so bleibt uns beiden noch Zeit für weitere schöne Momente.
Alexandra Carus
Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz Langenhagen

Mein Telefon klingelt. Frau Hinrichs, eine der Koordinatorinnen des Hospizvereins ist am Telefon: „Christine, hast du gerade Kapazität für eine Begleitung?“.
Nun ist es also soweit. Meine erste Begleitung nach dem Vorbereitungskurs. Nach sechs Monaten Theorie, vielen Informationen und Impulsen kommt nun die Praxis. Aufregend und spannend. Gemeinsam mit einer erfahrenen, ehrenamtlichen Begleiterin werden wir im Tandem die Begleitung übernehmen.
Und dann ist er da, der Tag an dem ich Frau J. kennenlerne. Schwer krank liegt sie in einer Pflegeeinrichtung. Diagnose: Krebs, in einer palliativen Situation. Erste Eindrücke nehme ich wahr: den schlechten gesundheitlichen Zustand, einen fixierenden Blick, die Bilder an den Wänden, den Geruch, Blumen von Verwandten, ein Mensch, der ein so vollkommen anderes Lebenskonzept hatte als ich…
Wie kann ich dieser Frau liebevoll begegnen, wie ihre Bedürfnisse erkennen, wie ihr zur Seite stehen? Ich habe innerlich viele Fragen und so wenig Antworten. Doch bereits beim zweiten Besuch zeigt sich, wie einfach es sein kann in Kontakt zu treten. Wir entdecken, dass wir beide einige Jahre in Berlin gelebt haben. Beide haben wir leidenschaftlich genäht, im KadeWe uns Stoffe gekauft. Und schon reden wir über das Leben, schöne Erinnerungen und Begegnungen aus vergangenen Tagen. In kürzester Zeit entsteht innere Nähe.
Dann fahre ich in den Urlaub. Zwei Wochen später bin ich wieder da. Meine Kollegin hatte mich vorgewarnt. Frau J. hat extrem abgebaut. Sie kann nicht mehr reden, bewegt sich nicht mehr. Bei meinem Besuch ist sie sehr unruhig, wirft ihren Kopf hin und her. So setzte ich mich an ihr Bett und fange an, leise zu erzählen. Doch ihre Unruhe nimmt zu. Also sitze ich einfach am Bett. Lange. Sehr lange. Nach einiger Zeit frage ich, ob ich sie berühren dürfe. Sie nickt. Ich halte ihre Hand und bete innerlich um göttlichen Frieden. Und tatsächlich. Frau J. wird immer ruhiger. Sie wirft sich nicht mehr hin und her. Schließt ab und an die Augen oder schaut mich an. Ich habe den Eindruck, dass ich sie nicht noch einmal lebend sehen werde. Und so kommt es auch. Einige Stunden nach meinem Besuch verstirbt sie.
Ich bin dankbar, dass ich Frau J. kennen lernen durfte und hätte sie gerne noch länger begleitet.
Christine Moser
Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz Langenhagen

Meine erste Begleitung:
Wie aus Zweifeln eine Herzensaufgabe wurde
Als ich in die Sterbebegleitung einstieg, hatte ich Vorbehalte:
Kann ich als Frau einen sterbenden Mann genauso gut begleiten wie eine gleichgeschlechtliche Person?
Ich war unsicher, ob Berührungsängste aufkommen würden. Die Realität hat mich positiv überrascht. Mein erster Begleiter war so sympathisch, dass meine Sorgen unmittelbar verflogen. Selbst das Händehalten war für mich unerwartet selbstverständlich. Diese erste positive Erfahrung hat mir sämtliche Vorbehalte und Sorgen genommen, so dass ich bereits meinen nächsten Sterbenden begleite.
Wer einen sterbenden Menschen auf seinem letzten Weg betreut, leistet eine unschätzbar wertvolle Arbeit - für die Betroffenen und deren Familien.
Die Dankbarkeit, die ich hierdurch erfahre, ist für mich eine große Wertschätzung und unbezahlbar.
Besonders dankbar bin ich auch Frau Stefanie Bertram und Frau Gaby Hinrichs für das Miteinander im Hospizverein, ob bei Schulungen oder Freizeitaktivitäten:
Hier herrscht eine außergewöhnliche Kameradschaftlichkeit. Ich fühle mich vom ersten Moment an sehr gut aufgehoben und betreut.
Dieses Gefühl hat sich mit der Zeit gefestigt.
Vera Plotz
Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz Langenhagen

Helga Tuncay, eine unserer Begleiterinnen schreibt am Ende gern eine kleine Geschichte.
Herr K.
Eine halbe Stunde lang.
Heute haben sie mich hinausgebracht, nach unendlich vielen Tagen hinausgebracht in das Licht der Sonne. Ich spüre sie, die Wärme der Sonne auf meiner Haut und den flüchtigen Wind in meinem Haar. Ich atme tief ein und schmecke den Frühling. Tränen rinnen über mein Gesicht. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich einen so blauen Himmel. Mit Respekt schaue ich auf die Unendlichkeit des Horizonts. Ich spüre die Erde unter meinen Füßen. Ich stehe bewegungslos da und fühle den stützenden Arm, der mir Halt gibt.
Und du hältst mich fest an der Hand.
Das Grau der letzten Wochen, das Weiß der vielen Kittel, die Tränen in langen Nächten, die Schmerzen und Ängste versinken im Boden. Eine halbe Stunde lang spüre ich, dass ich atme, dass ich lebe. Ich genieße den Augenblick, die Minuten und ich genieße deine Nähe. Ich bin glücklich, eine halbe Stunde lang.
Herr K. lebte noch mehrere Monate.
Es gab für Herrn K. noch viele besondere halbe Stunden. Herr K. saß im Rollstuhl und ich auf der Parkbank daneben. Wir erzählten, lauschten dem Zwitschern der Vögel, lachten so manches Mal herzlich und genossen die Natur.
Der letzte Tag.
Niemand weiß so wirklich, wann der letzte Tag sein wird. Und dann ist er gekommen, dieser letzte Tag.
Machen Sie es gut, lieber Herr K.
Ich öffne das Fenster.
„Wohin gehst du?“, frage ich die Seele.
„Ich möchte die Welt der Liebe erkunden“.
Helga Tuncay
Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz Langenhagen

Während der Schulung zur ehrenamtlichen Begleiterin des Hospizvereins habe ich erklärt, dass meine Motivation daraus resultiert, dass ich viele junge Menschen auf ihrem Weg ins Leben begleitet habe. Ich dachte, es würde den Kreis schließen, auch Menschen auf ihrem letzten Lebensweg zu begleiten. Die Erfahrungen des letzten Jahres haben mir gezeigt, dass diese Entscheidung richtig war.
Ich sehe es als eine äußerst sinnvolle und erfüllende Aufgabe an, Menschen auf ihrem letzten, oft schwierigen Weg zu unterstützen. Ihnen die Möglichkeit zum Austausch zu geben, über Ängste und Befürchtungen sowie Erleichterung zu sprechen. Oder einfach nur ohne Worte für sie da zu sein und ihnen das zu geben, was sie gerade brauchen.
Meine erste Begleitung war anfangs nicht begeistert von meinen Besuchen. Eine leichte Demenz hinderte sie daran, sich an mich zu erinnern. Doch Blumen waren letztendlich der Weg des Wiedererkennens. Jede Woche brachte ich ihr einen Strauß Rosen, wodurch sie eine Verbindung zu mir herstellen konnte, und wir bauten eine gute Beziehung auf. Wir hatten wirklich schöne Zeiten miteinander.
Ich habe in einem Altenheim begleitet, und eine positive Begleiterscheinung meiner regelmäßigen Besuche und Unterstützung war die Entlastung der Mitarbeiterinnen. Das war anfangs überraschend für mich, doch ich finde es eine sehr positive Nebenwirkung.
Christine Glaum
Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz Langenhagen

Seit meinem Ausbildungsende im Juni 2023 habe ich bereits zahlreiche Erfahrungen gesammelt und kann ein erstes Fazit ziehen. Schon bald nach dem Abschluss habe ich meine erste Begleitung durchgeführt und bin mit einem gewissen Respekt an die Aufgabe herangegangen. Schnell stellte ich jedoch fest, dass ich meine eigenen Angelegenheiten vor der Tür lassen konnte. Sobald ich das Zimmer betrat und der zu begleitenden Person gegenüberstand, konnte ich mich voll und ganz auf sie einlassen und ihr meine volle Aufmerksamkeit und Zeit widmen. Diese Hingabe wurde mit großer Dankbarkeit und vielen Emotionen belohnt.
Nach mehreren Begleitungen kann ich sagen, dass die Entscheidung, diese Ausbildung zu machen, eine der besten meines Lebens war.
Kerstin Rutz
Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz Langenhagen